Es wird etwas später bis ich in Santiago Pirotepa National abfahre. Da es bis Puerto Escondido eh nur noch etwa 150 km sind, hab ich die Ruhe im Hotel genutzt um etwas länger zu schlafen und dann mußte ich noch meine Emails checken, denn ich wartete auf eine Antwort von Bernd. Der hat mir zwar geschrieben das er seinen Aufenthalt in Puerto Escondido verlängert hat und mir auch Übernachtungstips für Escondido und dem weiter südlich gelegenen Mazunte gegeben, aber in der Villa Casalet in Escondido wird er, da viel zu teuer, kaum sein. Vielleicht hat er mir auf meine Nachfrage wo er denn jetzt genau steckt inzwischen geantwortet, doch nada.

Hinter Santiago Pirotepa National geht die Ebene wieder in eine Hügellandschaft über. Ich bin noch nicht lange unterwegs und brumm einen recht heftigen Anstieg hinauf, da sind die drei Fahrradfahrer vor mir und quälen sich mit ihren vollbepackten Drahteseln den Berg hinauf. Ein kurzer Gasstoß und winkend an ihnen vorbei ziehen. Mir tun sie leid wie sie sich in der Hitze – sind sicher wieder weit über 30 Grad – da abstrampeln, aber gleichzeitig bewundere ich sie. Für mich sind die 150 km bergauf, bergab eine ganz kurze, lockere Tagesetappe und sie müssen sich ordentlich anstrengen wenn sie heute noch in Puerto Escondido ankommen wollen.

Gegen 13 Uhr bin ich da, mach vom Motorradsattel aus gleich mal eine Besichtigungstour und schau mich nach Hotels um. Direkt am Strand stoß ich auf ein Hotel das per „Promotion“ die Übernachtung für 150 Peso anbietet. Falls ich mich für Puerto Escondido entscheide ist das gebongt, doch erstmal fahr ich nach Mazunte weiter. Ich vermute Bernd eher dort, denn er ist kein Surfer und der Strand von Mazunte soll super zum Baden sein.

Erster Blick auf Puerto Escondido
Pflanzenparadies auf dem Weg nach Mazunte

Bis Mazunte sind es knapp 70 Kilometer, also Zeit genug sich neben Mazunte auch noch San Agustinillo und Zipolite an zu sehen. Die drei Dörfer liegen nur ein paar Kilometer auseinander, sollen jedes ihren eigenen Flair haben, touristisch zwar erschlossen, aber nicht überlaufen und noch sehr „original“ sein.
Schon bei der Besichtigungsfahrt durch Mazunte bekomm ich dessen Hippieflair mit. San Agustinillo dagegen ist wirklich verschlafen und recht langweilig links und rechts der Straße gebaut, vom Strand sieht man nichts. Zipolite ist das größte der drei Dörfer, hat einen – praktisch leeren – RV-Park recht weit außerhalb und weg vom Strand, am Strand ein paar Restaurants und Hotels, wirkt nicht ganz so verschlafen, aber sehr relaxt.
Zurück nach Mazunte und dort die empfohlene Posada del Arquitecto gesucht. Ganz hinfahren kann ich nicht, denn die Straße wird grad gepflastert. Also zu Fuß auf Endeckungstour. Es ist tatsächlich ein Zentrum für junge Traveller. Yoga und Meditationskurse werden angeboten, die Restaurants tragen Namen wie Shidharta und alle Posadas ringsum bieten praktisch das Gleiche. Cabanas ab 350 Pesos, oder schlafen in der Hängematte unter einer Palapa für 50 bis 70 Pesos. Zelten geht – außer wild am Strand – überall nicht.

Strand von Mazunte
‚Hippie‘-Paradies

Wegen meiner KLR werd ich von zwei jungen Amerikanern angesprochen, die mit ihren KLR’s von Los Angeles hier her gefahren sind. Von ihnen erfahr ich viel über die „Szene“ und das Leben in Mazunte und bekomm auch gleich einen Joint angeboten. Nein, danke. Vor dreißig Jahren hät ich das hier super gefunden und wär hier geblieben, aber jetzt fühl ich mich doch tatsächlich etwas zu alt dafür. Ich muß wirklich alt geworden sein.

Wieder zurück nach Zipolite. Das scheint für Pensionierte meines Alters passender. Doch die Hotels sind mit 250 Peso aufwärts viel zu teuer. Deshalb zurück nach Puerto Escondido, das „Promotion“-Hotel angefahren, doch das hat keine Zimmer mehr frei. Mist. Inzwischen ist der Tag doch schon ziemlich fortgeschritten und deshalb höchste Zeit eine Bleibe zu finden. Nicht weit weg ist die Posada Aurora. Zimmer besichtigt, was? 250 Peso für diese Bude, nie! Die Besitzerin geht nach Verhandlungen schließlich auf 150 Peso runter. 100 wären zwar eher angemessen, aber ich buch für zwei Nächte.
Mein obligatorischer abendlicher Stadtbummel ergibt nichts was mich vom Hocker reißen würde. Die 50 Meter entfernte „touristische Hauptstraße“ wird ab 17 Uhr zur Fußgängerzone und ist von Restaurants und Läden gesäumt. So etwas wie einen kleinen (eher winzig) Markt mit Artesanias, Badeschlappen, Gummitiere etc. gibt es auch, ansonsten besteht dieser Teil Escondidos, d.h. des ursprünglichen Fischerdorfes, nur noch aus Wohnhäusern und Hotels. Der neu gewachsene Teil, d.h. die eigentliche Stadt, liegt am Berghang nördlich der MEX 200. Dann gibt es noch den Stadtteil bei dessen Nennung alle Surfer der Welt leuchtende Augen bekommen: Playa Zicatela. Hier soll die Brandung im Mai/Juni bis zu 12 Meter hoch werden. Jetzt ist sie deutlich niedriger, aber immer noch beeindruckend.

Da mein Zimmer direkt an der Straße liegt werd ich vom Straßenlärm schon kurz nach 6 Uhr geweckt, aber ich bleib eisern bis 10 Uhr liegen. Dann wird zum OXXO an der MEX 200 – in der Stadt Carratera Costera genannt und von ihr hat man zum Teil wirklich schöne Aussicht auf die Küste – hochgeklettert und dabei nach einem Internetcafe ausschau gehalten. Erfolglos, aber Kaffee gibt es wenigstens. Wieder zurück in die „Stadt“ und dort ins Internetcafe. Mein Netbook darf wiedermal nicht angeschlossen werden, aber meine Mailboxen kann ich wenigstens durchchecken.

Von Bernd ist eine da, er ist in Zicatela und liefert eine ausgezeichnete Wegbeschreibung. Er wohnt in einem Zimmer mit Bad in einem Privathaus über einen Laden. Terasse, eigener Kühlschrank, Kochgelegenheit für 100 Peso/Nacht und ein Zimmer sei noch frei. Klingt gut, aber zum hinlaufen ist
es mir zu weit und so hüpf ich auf das Motorrad.

Jetzt in die Hängematte und eine Margarita

Das Haus ist tatsächlich gleich gefunden, aber im Laden können sie mit dem Namen Bernhardo nichts anfangen. Komisch. Aber Bernd ist daheim, hat das Motorrad gehört und begrüßt mich von der Terasse aus. Er zeigt mir sein Reich, das noch freie Zimmer und ich mach mit dem Besitzer – jedes Stockwerk des Hauses gehört einem Anderen der mexicanischen Familie – aus das ich am Freitag, d.h. morgen, für vier Tage einziehe. Mit Bernd wird dann noch eine ganze Zeit geklönt bevor ich mich am späten Nachmittag verabschiede.
Vorher mache ich aber noch von der Terasse aus ein Bild vom Sonnenuntergang im Meer. Diesen Anblick werd ich ab morgen jeden Abend genießen können.

Da ich am Freitag wieder in aller Herrgottsfrühe wach werd, steh ich in meiner neuen Bleibe sehr früh auf der Matte, obwohl ich mir zuvor im OXXO noch einen Kaffee gegönnt hab.
Bernd hilft mir beim Hochschleifen des Gepäcks und das Motorrad kann ich im Kokusnußlagerraum des Ladens parken.

Freizeit, Koch und Speisebereich
Blick von der Terasse auf Puerto Escondido
Blick auf das Surferparadies
So läßt sich’s aushalten
Das Paradies ist im ersten Stock

Nach Zimmerbezug, etwas rumquatschen und uns aufeinander abstimmen, fahren wir dann auf den Markt und zum SuperChe, denn schließlich hab ich jetzt einen Kühlschrank und der will gefüllt werden.
Das heißt also zur Costera hochlaufen, ein Colectivo anhalten, hinten auf die Pritsche klettern und sich zusammen mit den anderen Fahrgästen über Topes und durch Schlaglöcher schaukeln lassen. Hat man sein Fahrtziel erreicht wird der Fahrer durch Druck auf einen Klingelknopf zum Halten veranlaßt, runtergeklettert und dem Fahrer durchs offene Beifahrerfenster 4 Peso in die Hand gedrückt.
Der Fahrpreis ist unabhängig von der Länge der gefahrenen Strecke. Die Colectivos fahren wie Busse immer eine bestimmte Route. Die ist an der Plane des Colectivos angeschrieben, aber zum Markt fahren sie alle. Lediglich bei der Rückfahrt muß man drauf achten wo es lang geht.

Schwarzer und weißer Jesus

Auf dem Markt kaufen wir Gemüse, u.a. Kakteenblätter, Obst und Fischfilets. Im Che dann Backwaren, Milch, Jogurt, Cornflakes usw. Da kommen richtig leckere Zeiten auf mich zu.
Der Markt hat neben einer Unzahl von einfachen Restaurants eine Besonderheit. Inmitten der Futterkrippen ist eine kleine Kapelle die einen schwarzen und weißen Jesus hat.

Der Rückweg erfolgt wieder mit dem Colectivo. Der Tag bis zum Abend wird verquatscht, dann kochen wir gemeinsam, d.h. Bernd macht das Gemüse und den Fisch, ich den Salat. Das Bier zum köstlichen Abendessen – die Mexicaner könnten hier einen Kochkurs machen – holen wir aus dem Laden unter uns.
Danach schlendern wir die Touristenmeile der Zicatela Richtung „Stadt“, genehmigen uns in einem der Strandlokale noch ein Bier, dann gehen wir hoch Richtung Costera zu einem kleinen Einheimischenladen wo Bernd mal eine Zeit gewohnt hat, er die Leute und die dort lebenden Ausländer kennt.

Wir sitzen eine ganze Weile gemütlich draußen davor, bei mehreren Bier, ein Grill wird beheizt und mit Hühnchenteilen bestückt. Als die fertig sind bekommen wir etwas davon ab, dann macht sich der Ladenbesitzer und Grillmeister ausgefertig zurecht und verschwindet mit dem bei ihm wohnenden Ami ins Nachtleben. Kurze Zeit später gibt’s in dem Lokal nebenan aus unerfindlichen Gründen Stress. Der Bruder des Ladenbesitzers wird von dessen Frau und seiner Schwägerin aus dem Lokal geholt und in seine Bude verfrachtet. Doch gleich darauf erscheint er wieder und rennt wutschnaubend mit einer Machete in der Hand Richtung Lokal. Frau und Schwägerin werden ganz bleich und wagen nicht mehr einzugreifen. Nebenan im Lokal beginnt ein richtiger Tumult. Stühle und Tische fliegen. Wir machen uns Richtung Heimat davon. Mexicaner und Alkohol, eine brisante Mischung. Das hatte ich schon in Merida erlebt.

Am nächsten Tag (Samstag) will ich einen Strandspaziergang Richtung Leuchtturm und zu der dahinter liegen Bahia Puerto Angelito mit ihren zwei Stränden machen. Bernd kommt bis zur „Stadt“ mit. Kaum aus dem Haus, treffen wir auf die mir schon mehrfach begegneten Radfahrer. Sie haben am Strand genächtigt und jetzt jemanden gefunden bei dem sie ihre Fahrräder für ein paar Tage unterstellen können, denn sie wollen mit dem Bus nach Oaxaca. Sicher ein weiser Entschluß sich die Strampelei über das Küstengebirge zu ersparen, denn bis Argentinien haben sie noch ausreichend Gelegenheit zum Bergtraining.

Echte Abenteurer
Surfer beim Warten auf DIE Welle
Da geht’s lang Richtung ‚Stadt‘
Bernd beim Füßebaden
Irgend so’n Tourist machts nach
So kann der Tag weiter gehen

Bernd und ich tappen den ganzen Strand entlang bis zur Playa Prinzipal, setzen uns dort in ein Strandrestaurant, gießen Kühles in den Hals dann trennen sich unsere Wege.
Ich maschier den Weg um die Felsen herum, stör dabei Liebespaare die sich in die lauschigen Winkel der Felsen zurück gezogen und Krebse die wie Spinnen an den an den Steinen rumkriechen. Das schaffen sie zu meinem großen Erstaunen auch an den senkrechten Felsflächen.

Lauschige Plätze für Liebespäarchen
Kletternde Krebse

Der Weg zur Bahia Puerto Angelito ist länger als von mir gedacht, ich komm in der Hitze (36 Grad) ganz schön ins schwitzen, dann geht es auch noch 117 Stufen bis zur Playa Manzanilla runter, die ich natürlich auch wieder hoch muß.

Playa Manzanilla und Playa Angelito
Für einen Herrn, der keine dickärschigen Mexicanerinnen mag

Zurück geh ich auf kürzestem Weg zur Playa Prinzipal und von dort wieder am Strand entlang. Unterwegs treff ich zwei junge Innsbrucker, die stinksauer auf die mexicanische Polizei sind. Sie seien vor zwei Tagen auf dem Weg hierher mit ihrem Auto von der Polizei angehalten worden. Während zwei Polizisten ihnen die Gewehre an den Bauch gehalten haben, hätten zwei andere das Auto durchsucht und dabei alles geklaut was für sie brauchbar war. U.a. Bargeld und Laptop. Kann ich kaum glauben, aber toi, toi, toi das mir sowas noch nicht passiert ist.

Bernd ist ganz erstaunt das ich alles zu Fuß gelatscht bin und für den Rückweg nicht ein Colectivo genommen hab, aber ein bisschen Lauftraining für die noch vor mir liegenden Stadtbesichtigungen muß sein.
Am Abend kochen wir wieder zusammen, dann geht’s ab in die Strandbar in der wir schon gestern Abend waren. Heute spielt dort eine Band die Bernd am Mittwoch schon in einer anderen Bar gehört hat und die Spitze sein soll. Die Jungs sind auch wirklich gut. Sie spielen alte Rocktitel von Grateful Dead bis Them. Hat auch was unter Palmen sitzend einer Rockband zuzuhören. Gegen halb zwölf ist Schluß, ich mach mich auf den Heimweg und Bernd versackt noch mit einigen Anderen.

Am Sonntag und die folgenden Tage – ich hab meinen Aufenthalt verlängert – wollten wir eigentlich mit dem Mopped Tagesausflüge in die Umgebung machen, aber die Hitze, die Marktbesuche, die Strandspaziergänge, die Hängematte, das Bier, das Kochen, die Abende. So gibt es halt statt der Ausflüge gemütliches Abhängen und Relaxen, dem auch noch das letzte ungelesene Buch zum Opfer fällt.
Trotz des süßen Nichtstuns vergehen die Tage wie im Flug und die Versuchung weiter zu Verlängern ist groß, doch ich muß weiter, sonst bleib ich tatsächlich noch hier hängen, kann Bernd aber sehr gut verstehen der eigentlich weg möchte aber keinen Grund dafür sieht ….

Zum Schluß noch ein paar Impressionen für alle die den Winter nicht mögen.

Playa Zicatela nach Norden ….
… von der selben Stelle nach Süden
Playa Marinero …
… auch hier hat’s noch ordentliche Wellen
Fischerboote an der Playa Principal
Seeräuber

Bis der nächste Bericht folgt, werden wohl ein paar Tage vergehen, denn morgen bin ich wieder „on the road“ Richtung San Cristobal de Las Casas.

Allen Freunden, Bekannten, Verwandten und unbekannten Leserinnen und Lesern meines Reisetagebuches wünsche ich
schöne Feiertage und ein Gutes Neues Jahr.

Gruß aus dem aufregenden, trotz 1500 Meter Höhe schneefreien, farbenprächtigen Oaxaca.

08.12. – 14.12.2010 Abhängen in Puerto Escondido

3 Gedanken zu „08.12. – 14.12.2010 Abhängen in Puerto Escondido

  • 2010-12-23 um 21:56
    Permalink

    @Ingolf
    Wegen den Hintergrundinformationen: hab das einfach mal ungefragt an ein paar Stellen gemacht, hatte gedacht, Du wirst Dich schon dazu äußern. 🙂

  • 2010-12-23 um 15:24
    Permalink

    Hi tam,

    ja, an solchen Orten ist die Gefahr groß das man hängenbleibt und die Reiserei an den Nagel hängt. Zugang zu neuem Lesematerial, Spanischkenntisse um sich auch mit den Einheimischen unterhalten zu können, dann könnt ich auch für mich die Hand nicht ins Feuer legen.

    Übrigens, vielen Dank das Du für Hintergrundinformationen zu meinem Text sorgst.

    Gruß
    Ingolf

  • 2010-12-20 um 23:35
    Permalink

    Kann mir gut vorstellen, dass es Dir nicht leicht gefallen ist, diesen Ort zu verlassen.

Kommentare sind geschlossen.