24.01.2010 Sonntag

Als ich aufwachte, traute ich zuerst meinen Augen nicht, 4:30 Uhr Ortszeit und ich bin schon wach!

Dabei hab ich gar nicht gut geschlafen. War ziemlich laut draußen – kein Wunder, als ich einschlafen wollte lief das mexikanische Leben ja grad erst zur Hochform auf – und dann lief die ganze Nacht über noch ein sehr lautes Kühlaggregat.
Aber nichts da. Ich will ja schön bleiben und brauch dazu meinen Schlaf. Also nochmal ein Versuch und rumgedreht. Gegen 6 Uhr scheitert aber auch dieser Versuch kläglich. Bleibt nichts Anderes übrig als den Computer auf den Schoß und schriftstellerisch tätig werden. Um 9 Uhr steh ich auf und begebe mich zum Frühstück.

Das im Restaurant aufgebaute Frühstücksbufett sieht etwas merkmürdig aus. Wohl mexikanisches Frühstück mit zwei undefinierbaren Warmspeisen zur Auswahl. Nicht so mein Fall. Während ich noch sinnierend davor steh kommt eine sehr raumfüllende Hotelbedienstete energisch auf mich zugestürzt, dreht mich um und deutet mit der Hand nach draußen. Ah ha, continental breakfast gibt es draußen auf der Terrasse bei der Bar.

Angesichts des Backwarenangebots im Supermarkt nebenan ist die Auswahl bescheiden. Keine Brötchen, nur schwabbeliges Toastbrot das in einem bereitstehenden Grill schwarz gefärbt werden kann, Erdbeermarmelade und Margarine. Zusätzlich noch recht kleine Rosienenschnecken und Miniaturhörnchen. Immerhin gibt es Kaffee in großen Tassen bis zum Abheben, er schmeckt sogar recht gut, und so geht es nach vier Kaffee und drei von diesen Miniteilen gestärkt in den Tag.

Gemessen an dem was ich vorhatte, wird dieser letztendlich zu einem kompletten Streichergebnis. Im Internet hatte ich die Adresse des Regionalbüros einer mexikanischen Kfz-Versicherung gefunden die ich aufsuchen wollte, außerdem wollte ich am Flughafen rausbekommen wo der mexikanische Frachtpartner von LeisureCargo zu finden ist und möglichst auch das notwendige Prozedere abklären um die KLR wieder – im wahrsten Sinne des Wortes – in Besitz zu nehmen.

Die gesuchte Adresse fand ich noch recht schnell, aber nix Regionalbüro. An der Wand des Hauses eine Werbetafel mit den Labels verschiedener Versicherungsgesellschaften und einen Pfeil der in’s Nirgendwo weist. Die Rolltüren verschlossen, kein Schild mit Aufschrift der Öffnungszeiten, sieht eher nach Autowerkstatt statt Versicherung aus, kein Mensch weit und breit, muß also nochmal an einem Werktag abgeklärt werden, obwohl ein Großteil des Gewerbes auch am Sonntagvormittag geöffnet hat.
Aus dem Weg zum Busbahnhof wird eine halbe Stadtbesichtigung. Ich verfrans mich recht gründlich, denn die Wirklichkeit deckt sich nur bedingt mit dem groben Stadtplan und als Fußgänger hat man in einem dieser riesigen Kreisverkehre dann auch mal ganz schnell die falsche Ausfahrt genommen.
Es gab ein paar interessante Ecken – die ich natürlich nie wiederfinden werde – und ich wünschte ich hätte den Photoapparat dabei gehabt. Allerdings hatte ich mir ursprünglich bei dieser Hitze auch keine Stadtbesichtigung vorgenommen.
Irgendwann bin ich dann doch beim Busbahnhof gelandet und zum Flughafen raus gefahren. Das hätte ich mir aber glatt sparen können, denn da hat die Höflichkeit der Mexikaner – geb lieber eine völlig falsche Auskunft als zuzugeben keine Ahnung zu haben – für mich zu einem Marathonlauf kreuz und quer über das Flughafengelände geführt.
Gegen 15 Uhr hab ich entnervt aufgegeben und bin mit dem Bus wieder zurück in die Stadt. Im Supermarkt noch für das Abendessen eingekauft, in der Hotelbar zwei FeierabendVerdientBier und dann ab auf’s Zimmer. Ich war total fertig und die Füsse haben gebrannt. Also eine kalte Dusche zur Wiederherstellung der Lebensgeister, dann Wäsche waschen und anschließend ran an die Tastatur. So ein Elaborat will mit meinem Zwei-, Drei-, Vierfingerakkordsystem ja erstmal erstellt und ins Web geschossen werden. Doch keine Sorge, meine Erzählungen werden schon noch kürzer …. dafür hoffentlich die Bilder mehr.

Zwischendurch die Beute aus dem Supermarkt ins Mahlwerkzeug geschoben (die zwei Salamiähnlich aussehenden Würste waren ein geschmacklicher Reinfall und landeten im Abfalleimer) und etliches an Mineralwasser hinterher gegossen.

Obwohl ich mit aller Macht versucht hab den Timelag etwas zu schließen, sind mir schon um neun (Ortszeit) die Jalousien runter gefallen und das eintönige Geräusch des ryhtmisch quietschendenes Bettes im Zimmer über mir hat mich in den Schlaf begleitet. Wie sich rausstellte nicht nur an diesem Abend …..

25.01.2010 Montag

Ich hab’s !! NEIN, noch nicht das Motorrad, sondern nur den Bepper für die Windschutzscheibe als Nachweis der „PERMISIO DE IMPORTACION TEMPORAL DE VEHICULOS“. Doch Gemach. Wie ihr’s von mir gewohnt seit in aller erzählerischen Breite.

Aufgewacht bin ich wiedermal viel zu früh, wollte deshalb schon um 7 Uhr das Frühstück fassen, aber auf der Terrasse war noch nichts von einem Frühstück zu sehen. Deshalb ging es wieder zurück ins Zimmer, etwas aufräumen und den Rucksack mit allem Notwendigen für den Tag bestücken.
Um dreiviertel acht wieder runter, immer noch nichts zu sehen, deshalb erstmal schräg über die Strasse zu einem kleinen Häuschen. An dem hatte ich am Abend zuvor die Aufschrift Seguros (Versicherung) entdeckt und da ich ja noch eine für die KLR brauche kann nachschauen wann die öffnen ja nicht schaden. Wie fast zu erwarten war 9 Uhr. Scheint der Standardarbeitsbeginn zu sein, denn die meisten Geschäfte und auch der Zoll sind ab dieser Zeit für ihre Kunden da.

Bei der Rückkehr ins Hotel fällt mein Blick ins Restaurant. Sie da, das Frühstück gibt es heute drinnen. Nur Continental, nix mexikanisches mehr. Haben alle Mexikanischen Gäste das Hotel verlassen , ne, wie ich erfahre gibt es mexikanisches Frühstück nur auf Vorbestellung und gegen Aufpreis.
Um halb neun versuche ich dann vom Telefonladen nebenan – die Dinger gibt es in Cancun wie Sand am Meer, dabei hat auch jeder Mexikaner der was auf sich hält ständig das Handy am Ohr – meine Kontaktperson von CaribcCargo zu erreichen. Ist eine Deutsche und könnte daher schon am Arbeitsplatz sein. Doch der Mensch irrt. Warten bis neun und erstmal wieder rüber über die Strasse. Ist kein so leichtes Unterfangen wie noch vor einer Stunde, denn den normalen Mexikaner drängt es jetzt mit Macht zur Arbeit.
Die zwei Damen in dem Büro das ich betrete geben sich alle Mühe zu verstehen was ich will, doch schließlich wird eine Dritte zu Hilfe gerufen. Diese spricht leidlich Englisch (immer wieder schön zu erleben das es Leute gibt die noch schlechter Englisch sprechen als ich, sowas pinselt mein Ego) und mit viel Mühe bekommen wir heraus das zwar irgendwas verkauft wird, aber keine Kfz-Haftplichtversicherungen. Na ja, einen Versuch war’s Wert und zumindest auch ein weiterer Schritt auf meinem beschwerlichen Weg etwas Spanisch zu verstehen. Von selbst reden bin ich eh noch Meilenweit entfernt.
Wieder zurück über die Strasse in den Telefonladen, ergebnislos. Inzwischen ist es halb zehn und so ruf ich halt mal die allgemeine Telefonnummer von CaribicCarge an. Nach einigem hin und her hab ich einen englisch sprechenden Mann am Draht. Er erklärt mir das die deutschsprachige Frau Wi….ck heute später ins Büro kommt (läuft das noch unter Assimilation oder hat sie sich schon voll integriert) und wenn ich sie sprechen wollte müsste ich halt später anrufen.
Schließlich stellt sich raus das es auch ohne sie geht, ich müsste nur ins Büro kommen – ist in einem Gewerbehof kurz vorm Flughafen (!) – und die Papiere unterschreiben. Die Fahrt mit dem Taxi vom Hotel aus dürfe so etwa 100 Peso kosten. Da lag ich am Samstag mit meinem 10 Dollargebot garnicht so schlecht. Das sind nämlich 120 Peso !

Vom Telefonladen ins Hotel und den Rucksack geschnappt, an die Ecke beim Supermarkt zum Taxistand, dort die Adresse dem ersten Taxifahrer unter die Nase gehalten, der erkundigt sich bei seinen Kollegen wo das ist, ich frag nach dem Preis, er sagt zehn Dollar, ich sag 100 Peso und wir sind uns handelseinig.

Bisher war ich überzeugt ich sei der beste Autofahrer der Welt, aber der Taxifahrer belehrt mich eines Besseren. Sein Fahrstil ist noch um Welten merkwürdiger als meiner – vor grünen Ampeln hält er fast an, dann rast er wieder los als würde er verfolgt, über manche Topas schleicht er, bei anderen Rast er dagegen drüber das man meint das Auto zerlegt sich auf der Stelle in Einzelteile, gehupt wird sowieso bei jeder unpassenden Gelegenheit – und das Auto macht auch nicht den vertrauenswürdigsten Eindruck. Der deutsche TÜV würde sicher seine helle Freude dran haben.
Trotz allem bringt er mich zügig und wohlbehalten zu CaribicCargo und ist auch bereit so lange zu warten bis ich ihm Bescheid sage ob ich ihn noch brauche oder nicht.
Bei CaribicCargo treff ich zunächst nur auf eine junge, ausnahmsweise mal gertenschlanke Mexicanerin die nur Spanisch spricht. Aber sie begreift sehr schnell was ich will und knallt mir einen Stapel Papiere auf den Tisch mit dem ich überhaupt Nichts anfangen kann. Glücklicherweise kommt uns dann eine englischsprachige Kollegin von ihr zu Hilfe. Diese muss dann zwar auch ab und zu ins Büro von Frau Wi…..k verschwinden um Rücksprache zu halten, aber immerhin klärt sich das Ganze so, daß ein Teil der Papiere für mich ist, ein Anderer für den Zoll und der Rest für’s Banjercito. Dann kommen zu dem Stapel noch ein paar dazu die ich unterschreiben darf und am Schluss werden mir noch 39 Dollar für weis der Geier was abgeknöpft. Mit dem ganzen Papierkram soll ich dann zum Zoll und wenn es da zu kompliziert wird, arbeiten sie noch mit zwei, drei Zollagenten zusammen die mir – natürlich gegen weiteres cash – helfen könnten. Schöne Aussichten.
Ich klettere wieder ins Taxi das brav gewartet hat und lass mich zum Flughafenzoll fahren. Dank meines Flughafenmarathons vom Vortag weis ich ganz genau wo der ist. Im Flughafengelände hält der Taxifahrer sofort beim ersten sichtbaren Polizeiwagen an. Murmelt mir zu er habe jetzt Trouble weil er nicht auf das Gelände darf. Nach fünfminütiger, gestenreicher Diskussion, wobei immer wieder auf mich gezeigt wird, steigt er wieder ein und fährt mich zum Zoll. Diesmal hat er Glück das er mich dabei hat, denn ich zeig ihm wo er lang muss, allein hätte er das Ziel wohl nicht so leicht gefunden.
Als ich aussteig und ihm 150 Peso geben will ist er nicht einverstanden. Die Wartezeit – als ob er an seinen Taxistand nicht auch ewig warten müsste bis sich ein Fahrgast wieder seiner erbarmt – und die weite Fahrt zum Flughafen – grad mal 2 km weiter als bis zum ursprünglichen Ziel -, dafür müsse er unbedingt 300 Peso erhalten. Ich geb ihm 200 und steig aus.

Der Eingang zur bürokratischen Unterwelt

Der Zoll hat sich selbst ins Gefängnis gesperrt. Hohe Mauern, Eisengitter und auch der Eingang ist durch eine massive, abgeschlossene Gittertür geschützt, die nur geöffnet wird wenn man dem Wärter die Dringlichkeit seines Anliegens klar machen kann. Der dicke Stapel Papier mit den vielen wichtig aussehenden Stempeln hat den Türschließer dann überzeugt und ich durfte das als Zoll getarnte Gefängnis betreten.

Mopped und sonstiges Warengefängnis.

Natürlich nicht ohne weitere Sicherheitsmaßnahme. Ich musste ein offizielles Identifikationspapier (Hauptsache Lichtbild und Stempel) rausrücken, dafür bekam ich im Gegenzug einen Zollausweis den ich mir um den Hals hängen durfte und auf dem unübersehbar eine große Nummer stand. Natürlich konnte ich mir nicht verkneifen die Akzeptanz meines echten, gefälschten Führerscheins zu testen – BESTANDEN.
Damit nicht genug, durfte ich mich dann noch in ein Gästebuch eintragen. Datum, vollständiger Name, Nummer des erhaltenen Ausweises, Anliegen, Firmenname und Uhrzeit waren gefragt. Als dies alles erledigt war, wurde ein weiteres Tor geöffnet und über den Hof gelangte ich in die heiligen Hallen der Bürokratie.

Sofort wurde ich von einer Rezeption gestoppt und durch große, unmissverständliche Schilder war das weitere Vordringen in die bürokratische Unterwelt auch nur dafür autorisierten Personen gestattet. Um sich dort aufhalten zu können bedarf es wahrscheinlich auch einer gehörigen Portion Blindheit.
Zu meinem Glück traf ich dort zufällig den Mitarbeiter von CaribeCargo mit dem ich telefoniert hatte. Als er meinen Papierstapel sah wusste er sofort wer ich war und erklärte der Rezeptionistin mein Anliegen. Daraufhin nahm sie mir meine Papiere ab und verschwand damit kurz in die Unterwelt, erschien dann aber wohlbehalten ohne die Papiere wieder, bedeutete mir auf einem Armesünderbänkchen Platz zu nehmen, es würde gleich jemand kommen.
So saß ich da eine ganze Weile, grüßte brav alle ZöllnerInnen die an mir vorbei schlenderten – eilig hatte es niemand – und harte der Dinge die da kommen würden.

Irgendwann – ich hatte schon jedes Zeitgefühl verloren – schlenderte dann ein Pärchen Zöllner, d.h. eine Sie und ein Er, von draußen herein die offensichtlich höheren Ranges waren. Sie begrüßten den CaribeCargo-Mitarbeiter den sie wohl gut kannten und der aus mir unerfindlichen Gründen immer noch rumstand und sich die ganze Zeit mit allen möglichen Leuten unterhielt.
Für mich ein Glücksfall, denn nachdem er sich eine Weile mit den beiden unterhalten hatte zeigte er auf mich und erzählte denen dann irgendwas. Die Zwei kamen dann Neugierig zu mir und ich erzählte ihnen was ich in Mexico vorhab. Kurz nachdem die Zwei gegangen waren, kam der Zöllner wieder. Gab mir meinen Stapel Papiere zurück und drückte mir einen kleinen Zettel in die Hand auf dem stand:

MODULO DE IMPORTACION TEMPORAL
BANJERCITO PUERTO JUAREZ
CARRETERA PUERTO JUAREZ KM.0+300
SUPER MANZANA 86, MANZANA 2 LOTE 1
C. P. 77500 BENITO JUAREZ, QUINTANA ROO.
ATRAS DE ANTIGUA CAPITANIA DE PUERTO

TEL: MODULO ADUANA (01 998) 8 80 42 94
MODULO BANJERCITO: (01 998) 8 80 01 71

Da solle ich hinfahren – wusste ich vorher schon, nur die Adresse von der Banjercito nicht -, die temporäre Einfuhr erledigen und dann wieder zum Zoll kommen.
Wegen dieser geheimnissvollen Adresse die Fahrt zum Flughafen und Warterei ? Die Adresse hätte man mir mit Sicherheit auch bei CaribeCargo sagen können, aber als ich danach frug hieß es Fr. Wi…..k wüsste sie auch nicht. So Geheim ??
Wie lang hat Banjercito auf ? Bis 14 oder 15 Uhr. Es war grad halb zwölf, Puerto Juarez liegt genau entgegengesetzt der Richtung zum Flughafen. Mit dem Bus zurück nach Cancun, dann mit einem Taxi weiter, müsste grad so reichen.
Der Taxifahrer der beim Busbahnhof ganz vorne stand musste sich auch erst mal bei seinen Kollegen und unterwegs schlau machen wo es hingehen soll. Dabei hätte selbst ich das gefunden, obwohl das mit den Adressen in Cancun (oder auch ganz Mexico ??) nicht so einfach ist. Auch die verlangten 50 Peso waren kein Sonderangebot, aber ich hatte es eilig und keine Lust mehr zu handeln.

Vor der Banjercito ließ ich ihn auf mich warten, denn das Teil liegt so weit vom Schuss, das sich dahin wohl nur selten ein Taxi verirrt.

Das Geheimnis um die Adresse ist gelüftet!

In der Halle des properen Gebäudes haben mehrere „halbstaatliche“ Stellen ihre Schalter. Neben der Banjercito u.a. auch noch der Hafenmeister und an diesem Schalter war die Schlange wesentlich länger als da wo ich mich anstellen musste. Vor mir waren zwei Antragsteller, die quasi parallel (!!) von einem smarten, jungen Mexicaner abgefertigt wurden. Als ich dran kam erfolgte gleich die Frage nach Kopien von Reisepass, title (Kfz-Schein) und Führerschein. Mist. Wusste ich doch das ich was vergessen hatte.  Die Kopien lagen im Hotel, denn ich hatte mich schon in Deutschland schlau gemacht und entsprechend vorbereitet, aber was nützt das wenn man vergesslich ist ? Ohne Kopien läuft nichts und der große Kasten hinter seinem Rücken ist leider nur ein Drucker erklärt er mir, ebenso das der Copy Shop nur zwei Blocks weg und leicht zu finden ist.

Unerläßlich um bürokratische Hürden zu umschiffen. Ein Copy Shop in der Nähe.

Also raus aus dem Laden, rein ins Taxi und zum Copieshop. Vorsichtshalber von jedem gleich zwei Kopien machen, pro Kopie ein Peso, da kann man nicht meckern. Wieder zurück im Banjercito war der Junge jetzt gut beschäftigt. Vor mir waren jetzt die vier dran die vorher die Schlange beim Hafenmeister gebildet haben. Auch ausländische Boote die im Hafen festmachen brauchen eine „IMPORTACION TEMPORAL“.
Pech gehabt, also hieß es warten. Nach rund einer dreiviertel Stunde war ich an der Reihe. Der Bub war wirklich nett und freundlich. Als er mir das wichtige Dokument mit dem Bepper in die Hand drückte, meinte er, er es wird wohl schwierig das Ding am Motorrad anzubringen, denn ich hab wohl kaum eine Windschutzscheibe. Da hätte man sich Nichts gedacht als das Ding kreiert wurde. Wo er recht hat, hat er recht.

Es war inzwischen halb drei und damit zu spät um wieder zum Zoll zurück zu fahren, also zurück zum ADO (= zentraler Busbahnhof). Dort wollte der Taxifahrer dann 300 Peso von mir. Er habe die Uhr mitlaufen lassen, anderthalb Stunden sei er jetzt mit mir unterwegs gewesen, die Stunde koste 200 Peso. Pech für ihn das ich am Vorabend in der im Hotelzimmer liegenden Broschüre „Cancun Tips & Guide“ rumgeblättert und diese wegen des Stadtplans auch im Rucksack hatte.
So konnte ich ihm zeigen das die Stunde Taxi nur 140 Peso kostet, drückte ihm 200 in die Hand und stieg aus. Ich glaub er war leicht sauer.

Dann machte ich mich auf den Weg zu der am Sonntag gesichteten Tafel mit den diversen Versicherungslogos. Es war nicht wie wegen der Rolltore vermutet eine Autowerkstatt, sondern eine Schadensschätzungsstelle. Die Logos zeigten nur an mit welchen Versicherungen zusammengearbeitet wird. Kein Mensch dort konnte englisch und mir daher auch nicht weiterhelfen. Aber lustig war die Konversation mit Händen und Füssen schon. Hat auch dem Typen im Büro sichtlich Spaß gemacht.

Bei meiner weiteren Excursion bin ich dann an einem Gebaude vorbeigestolpert an dem in großen Leuchtbuchstaben GNP (= Grupo National Provincial), d.h. das Logo einer der von mir so begehrten Versicherungen, angebracht war. Nix wie rein. Sah schon mal gut aus, mehrere Büros und mit einer einladenden Handbewegung des Empfangschefs (muss man sich erst mal dran gewöhnen, hier in Mexico wimmelt es vor und in jeder Bank, Bürogebäuden & größeren Geschäften vor Sicherheitskräften und Portiers, manchmal übersteigt deren Anzahl die der Kunden deutlich) in ein Büro mit drei Schreibtischen komplimentiert. Hinter jedem saß eine adrett im Corporate Design gekleidete Dame. Ein Stuhl vor einem der Schreibtische war frei und wurde sofort von mir in Beschlag genommen.

Gleich nachdem ich die ersten Worte meines hervorragenden Oxfordenglisch rausgegurgelt hatte, schrie die recht korpulente Dame hinter dem Schreibtisch um Hilfe. Die nahte auch sogleich aus dem angrenzenden Büro in Form einer deutlich älteren, aber auch deutlich weniger korpulenten Dame, die sich sofort in englisch nach meinem Anliegen erkundigte. Als ich’s ihr verklickerte hatte, schaute sie mich ganz mitleidig an, meinte das sei wohl nicht möglich, wandte sich dann an ihre Kollegin und schilderte dieser mein Anliegen. Sofort trat in deren Augen ein derartiger Ausdruck mütterlichen Mitleids, daß ich Angst bekam sie würde mich gleich an ihren gewaltigen Busen drücken um mich zu trösten. Sicherheitshalber rückte ich etwas vom Schreibtisch ab.
Die beiden Damen unterhielten sich eine Weile, mehrmals viel der Name Senor Manfrino, dieser schien wohl der Retter in ihrer (oder meiner ?) Not zu sein. Schließlich griff die Englischsprachige zum Telefon und rief Senor Manfrino an. Diesem wurde mein Anliegen erklärt und mir dann der Telefonhörer gereicht. Senor Manfrino erklärte mir das mein Wunsch wohl unmöglich zu erfüllen sei. Als ich ihm dann aber mitteilte, das über das Internet sehr wohl mexicanische Hapftplichtpolicen – u.a. auch von GNP – an Ausländer, leider nur an Amis und Kanadier, verkauft werden und bei Agenturen an der Grenze an jeden, wollte er schauen was er für mich machen könnte. Notfalls halt auch über die Agenten andere Versicherungen. Er erkundigte sich dann noch nach den notwendigen Basisdaten (Hersteller, Baujahr, Hubraum, Fahrgestellnummer, Kennzeichen etc.) und die Kontaktdaten (emailadressen und Telefonnummern wurden ausgetauscht). Während dieses Datenaustauschs wanderte der Telefonhörer dauernd zwischen mir und der Englischsprachigen hin und her. Ich zeigte ihr z.B. die Fahrgestellnummer und sie diktierte sie Senor Manfrino auf Spanisch.
Während dieser ganzen Zeit saß ihre Kollegin wie ein Budda hinter ihrem Schreibtisch und schaute mich unentwegt mütterlich an.

Beim Rückweg zum Hotel (keine 500 Meter !) kam ich noch an der Touristinfo vorbei und erkundigte mich wo ich „mapa de carreteras“ kaufen könnte. Im LonelyPlanet steht zwar das diese in jedem Buchladen oder an jedem Zeitungsstand zu haben wären, aber bei meinen ausgedehnten Streifzügen durch die Stadt hatte ich bisher weder einen Buchladen noch Zeitungsstände gesehen, so das in mir schon der Verdacht keimte Mexikaner würden das Lesen generell ablehnen, zumal überall den ganzen Tag die Fernsehapparate laufen.
Mir wurden zwei Kringel in den Stadtplan gemalt – einer davon ganz in der Nähe des Hotels, an dem ich schon zig mal vorbei gelaufen bin – und hoch und heilig versichert das ich dort fündig werde.

Wieder zurück im Hotel erstmal ein FeierabendVerdientBier, dann in den Supermarkt das Abendessen und reichlich Mineralwasser gekauft und schon war es auch wieder innerhalb weniger Minuten dunkel.
Der Tag war insgesamt recht erfolgreich, Haftentlassungspapiere für das Mopped in den Händen, Versicherung (hoffentlich) auf den Weg gebracht und das Wissen um Fundstellen für Straßenkarten. Ich war zufrieden mit mir, ging wiedermal auf dem Zahnfleisch und war schon am frühen Abend hundemüde.

26.01.2010 Dienstag

Es war noch nicht mal 6 Uhr und ich war wach. Und das obwohl ich mich bis Nachts um eins durchgequält hab um endlich wieder einen mir angepassten Tagesrhyhtmus zu bekommen, aber den Rhythmus hatten in der Nacht wiedermal die im Zimmer über mir. So früh am Morgen war aber Ruhe und so schnappte ich das Netbook und tippte weiter. Um halb acht zum Frühstück, dann alles zusammengepackt und zum Busbahnhof getigert um mein Mopped aus der Haft zu befreien.

Sollte ja alles ganz einfach sein. Hing doch direkt hinter der Gittertür beim Eingang zum Zollgefängnis ein großes, zweisprachiges Plaket auf dem Angepriesen wurde wie leicht doch Mexico für Touristen die „IMPORTACION TEMPORAL“ gemacht habe. Auch auf dem Pult der Rezeption lagen schon gestern Stapelweise derartige Prospekte rum. Der Prospektmenge nach zu urteilen müssen da in der Saison täglich mindestens hundert Importwillige nach dieser Information gieren. Ich stellte mir demnach vor, ich marschier mit meiner „PERMISIO DE IMPORTACION TEMPORAL DE VEHICULOS“ da vor, muß ein Formular unterschreiben auf dem ich bestätige das ich das Motorrad erhalten habe, zahl vielleicht noch irgend eine Gebühr und ein Zöllner schaut vielleicht noch das das Motorrad wirklich dem entspricht welches auf der Permisio aufgeführt ist.

Eigentlich hätte ich es besser wissen müssen, denn wo Bürokraten ihre Finger im Spiel haben ……, aber ich bin ja lernresistent und Glaub daher immer noch daran das sich der Mensch vom Tier durch Verstand unterscheidet.
Um 9:20 Uhr stand ich auf der Matte, überzeugte den Schließer – ein Anderer als am Vortag – durch wedeln mit dem Formularbündel von meiner Berechtigung hinter das Gitter gelassen zu werden, gab ihm meine Führerscheinkopie und trug mich unaufgefordert auch sogleich in das Gästebuch ein. Er war tief beendruckt von der Zielgerichtetheit meines Handelns, händigte mir meinen Berechtigungsausweis aus und schloss das weitere Tor auf damit ich über den Hof in die geheiligten Hallen des eingesperrten Schwachsinns treten konnte.
Die Rezeptionistin erkannte mich gleich wieder, wusste noch was ich wollte, bat mich wieder auf dem Armesünderbänkchen platz zu nehmen und verschwand in der Unterwelt. Nach ein paar Minuten kam sie wieder und sagte es würde sich gleich jemand um mich kümmern. Während dieses „Gleich“ hatte ich ausreichend Gelegenheit fast der gesamten Belegschaft „Buenos dias“ zu wünschen. Der Zoll öffnet zwar um 9 Uhr seine Pforten, aber offensichtlich haben sie ein sehr großzügiges Gleitzeitmodell, denn während ich da so auf meinem Bänkchen saß tröpfelten immer wieder Bedienstete zum Dienstantritt (Arbeit kann man das ja wirklich nicht nennen) ein. Die Mehrzahl von ihnen grüßte immerhin mit einem Lächeln zurück. Nach rund einer halben Stunde Wartezeit erschien eine mürrisch dreinblickende typische Mexikanerin (klein, quadratisch). Offenbar war sie etwas ungehalten darüber das sie so früh am Morgen schon zur Amtstätigkeit verdonnert wurde. Sie wollte von mir pasaporte, die permisio, sowie weitere Papiere. Ich legte ihr einfach den ganzen Stapel hin, sie suchte sich raus was sie brauchte und verschwand wieder in der Unterwelt. Das Warten begann erneut und ich konnte in aller Ruhe dem Treiben um mich herum zu sehen. Ein Zöllner wusch im Hof ein Auto. So ein dicker, wie neu aussehenden Wagen konnte nur der des Chefs sein, andere schlenderten, alleine oder in sich rege unterhaltenden Gruppen, gemütlich aus der Unterwelt über den Hof und verschwanden durch das Gittertor auf die andere Seite des Zollareals, oder kamen von dort. Eilig hatte es auch heute niemand.
Nach etwa einer Stunde kam der Zöllner des Vortages über den Hof, betrat die Unterwelt, sah mich, wir begrüßten uns, er erkundigte sich bei der Rezeptionistin über den Stand der Dinge bei mir und verschwand dann dort in der Unterwelt wo auch die Zöllnerin mit meinen Papieren abgetaucht war. Keine fünf Minuten später stand ein ganz junger Zöllner vor mir, hatte meine Permisio in der Hand und winkte mir ihm zu folgen.

Ich dachte mir, na siehste, es geht doch Nichts über Drähte zur Chefetage und folgte ihm über den Hof. Das Gittertor wurde aufgeschlossen, wir betraten den anderen Zollhof und begaben uns in eine Lagerhalle. Dort wurden wir von zwei, in adretten Uniformen einer privaten Wachgesellschaft steckenden, winzigen Mexkanerinnen gestoppt. Nun war es an der Reihe des jungen Zöllners ein paar Formulare auszufüllen, ich durfte dann unterschreiben und beide mussten wir uns in ein Gästebuch eintragen. In Begleitung einer der Damen gingen wir dann durch die Lagerhalle, auf der anderen Seite wieder raus, eine Rampe runter und dort stand mein Mopped!

Noch beklebt mit allen Aufklebern von der Luftfracht und total verdreckt. Über und über mit einem schmierigen Staubfilm bedeckt. Wohl einer Mischung aus Bremsstaub und Reifengummi von einer nicht weit entfernt liegenden Start- oder Landebahn. Der Zöllner, der bisher sehr wortkarg war und auch so tat als könne er kaum englisch, suchte nach der Fahrgestellnummer, fand sie natürlich nicht und musste deshalb mich fragen. Und sie da, er konnte doch Englisch ! Ich zeigte sie ihm, schob die darüber liegenden Bowdenzüge zur Seite damit er sie mit der Nummer auf der Permisio vergleichen konnte und dann fing er an nach einer Stelle zu suchen wo er den Aufkleber der Permisio anbringen könnte. Schließlich wähnte er sich vorn am Tank fündig, wischte sichtlich angeekelt und halbherzig den Dreck weg, zog den Aufkleber halb vom Trägerpapier und stellte fest das nichts offizelles sichtbar ist wenn er ihn aufklebt. Hilflos sah er mich an.

Ich gab ihm ein Papiertaschentuch damit er sich die Finger abwischen konnte und erklärte ihm das schon sein Kollege von der Banjercito gesagt hat das der Aufkleber für Motorräder unbrauchbar ist. Ich müsse halt die Unbequemlichkeit auf mich nehmen bei jeder Polizeikontrolle das Papierwerk aus der Packtasche zu fischen. Er war sichtlich froh das ich ihm eine Lösung des Problems gegeben hab und war danach für den Rest des Tages – wir gingen im Laufe des Tages beide noch ein paarmal gemeinsam hin und her – deutlich zugänglicher.

Nach dieser Amtshandlung war ich auf dem Rückweg zur Unterwelt der Meinung das war’s so ziemlich und jetzt kann ich mich gleich auf’s Mopped schwingen, aber natürlich war das ein Irrtum. Der junge Zöllner verabschiedete sich, verschwand in der Unterwelt, ich setzte mich auf das Armesünderbänkchen und widmete mich wieder der Beobachtung des Treibens um mich herum. Beobachtung ist in den Sozialwissenschaften ja eine anerkannte Methode der empirischen Sozialforschung und so war ich ja voll in meinem Element. Allerdings änderten die Versuchspersonen ihr Verhalten über die Zeit nicht wesentlich, lediglich die beginnende Siestazeit machte sich in einer Verlangsammung der Vorgänge bemerkbar. Die Zeit verran … zäh, denn so interessant war der Untersuchungsgegenstand „der gemeine Zöllner und sein exploratives Verhalten auf dem Zollhof“ ja nicht, immerhin, vielleicht könnt’s zu einer Doktorarbeit ja doch reichen.
Irgendwann stand der junge Zöllner wieder vor mir und wir unternahmen einen weiteren Gang zum Mopped. Der Aufenthalt im Büro der Securidad war nur kurz, verlief diesmal ohne Papierkrieg und diente nur dazu eine weibliche Begleitung/Führung aufzugabeln, damit wir uns auf dem Weg zum Mopped nicht verlaufen. Unter deren kritischen Blick inspizierte der Zöllner nun den Inhalt meiner Packtaschen, hatte nichts zu beanstanden und so ging es wieder zurück zur einer neuen Warterunde.
Diese wurde irgendwann durch das Auftauchen von „Qudratisch“ unterbrochen, die ein weiteres dokumento von mir verlangte und nach einigem hin und her dann doch selbst wieder aus dem Papierstapel fischen musste. Nach gefühlten Äonen tauchte der junge Zöllner wieder auf mit einem Stapel Papier in der Hand. In vierfacher (!) Ausfertgung erhielt ich ein Schreiben der „Administracion General de Aduanas Aduana de Cancun“ mit der Aktennummer (wichtig für die Ablage !!) 000152-530-2010. In dem steht – soweit ich das verstehe – praktisch das selbe was ich schon bei der Banjercito unterschrieben hab. Nämlich das ich unter der Luftfrachtnummer 266 0337 6914 am 24.01.2010 ein Packstück mit Inhalt eines Motorrades eingeführt habe; Datum wann ich eingereist bin; Datum, Gültigkeitsdauer und Aktennummer des Permisio; wann das Motorrad den Klauen des Zolls entrissen wurde (heutiges Datum, das läßt hoffen), dann natürlich die Aufzählung aller zugrunde liegender Paragraphen und Restriktionen denen ich mich mit der Unterzeichnung dieses Papiers unterwerfe. Angeheftet ist jeweils Durchschlag des Luftfrachtbriefes, eine Kopie der Permisio, meine Reisepasses, meiner Touristenkarte und irgend eines weiteren Frachtpapiers.
Das Ganze hätte die deutsche Bürokratie auch nicht iTüpfelscheisserischer hingebracht, lediglich die vollständigen Namen der zwei unterzeichnenden mexikanischen Beamten sind VIEL eindrucksvoller.

Nachdem auch ich alle Exemplare unterzeichnet habe, geht es in Begleitung des Zöllners wieder Richtung Lagerhalle. Dort weist er mich an den Papierstapel durch den Schlitz eines Schalters zu schieben. Der Papierstapel wird nach innen gezogen und dann rührt sich eine ganze Weile nichts mehr. Dem Zöllner wird die Warterei zu langweilig. Er verabschiedet sich. Wenn ich fertig bin soll ich wieder rüberkommen. WAS? Allein über die Zollhöfe und an dem Schliesser vorbei. Welch ein Vertrauensbeweis, wenn die ganze Prozedur noch viel länger geht werden wir noch Freunde.

Hinter dem Schalter tut sich dann doch was. Weibliche Augen schauen durch einen schmalen Sehschlitz, irgend etwas wird mir auf Spanisch gesagt. Ich versteh kein Wort und mach das auch deutlich. Daraufhin wird ein Zettel durch den Schalter geschoben auf dem steht 549,45. Alles klar, es geht um Geld. Ich zahle, der Packen Papier sowie zusätzlich noch die Rechnung wird mir wieder zugeschoben. Dann versucht sie mir wieder was zu erklären. Klappt natürlich nicht, denn so von jetzt auf nachher werd ich nicht intelligenter. Schließlich gibt sie auf und verlässt die Sicherheit ihres streng bewachten Büros um mir per Zeichensprache klar zu machen was ich tun soll. Jetzt begreif ich. Zurück zur Unterwelt um dort ein paar der Papiere zu hinterlassen, mit dem Rest dann zum Tor der Lagerhalle und diese dort abgeben, dann wird mir dort mein Motorrad ausgehändigt.

Während sie mir das gestenreich per Zeichensprache erklärt, strahlt sie mich an das mir ganz wummerig wird. Ist mir jetzt schon öfter aufgefallen, je behämmerter ich mich anstelle desto mehr werd ich von den Mexikanerinnen angestrahlt. Stehen mexikanische Frauen auf bekloppte Männer? Dieser Frage werd ich wohl lieber nicht auf den Grund gehen, sonst stellt sich noch raus das ich tatsächlich bekloppt bin oder halten die mich dann etwa für einen US-Amerikaner?

Ich geh also wieder zurück zum Zoll, bekomm mit etlichen erklärenden Gesten sogar den Schließer dazu mir die Gittertür zu öffnen und warte an der Rezeption das ich etwas von dem Altpapier los werde. Kurz darauf erscheint der junge Zöllner, lässt sich die Rechnung mit dem dicken Stempel PAGADO zeigen, nimmt drei der Exemplare Zollpapier an sich und verabschiedet sich von mir. Ich soll wieder rüber zur Lagerhalle, dort mein Motorrad abholen und dann am Eingang meinen Zollausweis gegen meinen Führerschein eintauschen. Das war’s dann. Was?! Keinen Sekt den ich am Motorradtank zur Feier des Tages zerschmettern kann ? Das könnte der Zoll schon stellen. Schließlich hab ich fast fünf Stunden Geduld bewiesen, keinen Kaffee und kein Mittagessen, nicht mal Erdnüsse oder sonstige Knabbereien erhalten, aber soviel Kundenorientierung ist noch nicht vorhanden. An der entsprechenden Gesetzesvorlage, Verwaltungsanweisung und den Durchführungsbestimmungen wird ja sicher auch erst seit zehn Jahren gearbeitet.

Der Hallenmeister dem ich die verbliebenen Papiere in die Hand drücke spricht erstaunlicherweise auf Anhieb – und gut – Englisch. Er meint es wäre wohl etwas zu umständlich die Maschine erst auf der einen Seite der Halle mit dem Stapler hoch zu stellen, nur um sie dann auf der anderen Seite mit dem Stapler wieder runter zu heben. Ich solle doch mitkommen und das Motorrad um die Halle fahren. Welch eine Wohltat, ein Mensch mit praktischem Verstand!
Als wir bei der Maschine ankommen steht überaschenderweise der junge Zöllner und die Seguridad-Mitarbeiterin dort. Beide sind Neugierig wie das Teil klingt und der Zöllner will mir noch vorn an der Schranke bei seinen Kollegen den Weg ebnen. Ich bin platt !!

Zuerst muß die Batterie der KLR wieder angehängt werden. Also Werkzeugrolle öffnen – in die hatte der Zöllner bei seine Inspektion nicht geschaut und bekommt jetzt große Augen, sagt aber keinen Ton -, Seitendeckel abschrauben und dann, verdammte deutsche Gründlichkeit. Ich hab das Batteriekabel derartig gut und dick abgeklebt das ich fast nichts abbekomme. Als ich mich so Abmühe und vor mich hinmurmel „i need a knife“, greift der Zöllner in seine Hosentasche, zieht ein Taschenmesser hervor und reicht es mir. Beim Öffnen stell ich fest, es ist ein Schweizer Taschenmesser, echt Viktorynox.
Ich geb meiner Verwunderung ausdruck und reck den Daumen in die Höhe. Er wird vor Stolz sofort ein paar Zentimeter größer und grinst wie Harry. Wenn er sich einen anderen Beruf suchen würde, könnte aus ihm noch was werden. Jung genug für einen Neuanfang ist er ja.

Das Batteriekabel ist dran, druck auf’s Knöpfchen und nach ein paar Anlasserumdrehungen wummert die Kawa. Die Umstehenden sind vom Klang sichtlich beeindruckt und jetzt grins ich wie Harry. Seitendeckel dran, Werkzeug verstaut, Motorradjacke an, Helm über den Spiegel und los gehts. Der Zöllner trägt mir die Papiere hinterher. Oh je, die Kiste schwimmt vielleicht. Kaum mehr Luft in den Reifen, dabei hab ich doch extra die dicken Crosschläuche einziehen lassen. Glump elendiges, aber die nächste Tankstelle ist nicht weit und tanken muss ich eh.

Unsere kleine Prozession erregt Aufsehen bei allen auf dem Zollhof. Es gibt Beifall auf offener Bühne. Keine Ahnung warum. Weil ich die ganzen Stunden so brav und ruhig (ohne Joint !) geblieben bin ? Weil die Kawa so gut klingt ? Weil sich rumgesprochen hat das wir zwei vier Monate kreuz und quer durch Mexico wollen ?? Keine Ahnung, aber auch die kleine Zöllnerin an der Schranke des Zollhofes ist ganz aus dem Häuschen. Der neben ihr stehende Kollege ist wesentlich zurückhaltender. Als „mein“ Zöllner ihm bedeutet die Schranke zu öffnen, will er erstmal die Papiere sehen und studiert sie dann übergründlich. Schließlich muss Macho ja zeigen wer das größere Ar…l..h ist.
Ich benutz die Zeit um mich herzlich von meinem Begleittross zu verabschieden und eiere zum Gefängniseingang als die Schranke geöffnet wird. Rein darf ich nicht mehr. Mir wird mein fast echter Führerscheine durch das Gitter gereicht und auf selben Weg wandert der Zollausweis wieder zurück.
Jetzt aber nichts wie weg, der Sonne, der Freiheit entgegen.

Wer sich bis hierher durch das Textmonster gekämpft hat, könnte den Eindruck gewinnen ich hätte etwas gegen Zöllner. RICHTIG! Nach Finanzbeamten sind Zöllner die schlimmste Ausgeburt der Bürokratie und Gefängniswärter einer sich Rechte anmaßenden Staatsmacht. Schon im biblischen Gleichnis des Hauptmann von Kanaan heißt es: und er setzte sich mit Zöllner, Verbrechern und sonstigem Gesindel an einen Tisch. Aber ich bin halt NICHT Jesus, wenngleich gottgleich. Soll ja jeder Mensch sein, aber ich hab da so meine Zweifel.

Zur Ehrenrettung der Bediensteten des Flughafenzolls: sie waren alle freundlich, höflich und hilfsbereit. Da hab ich schon ganz Andere erlebt. Aber sie sind halt Zöllner und damit Teil des Systems …

An der Tankstelle fahr ich zu einer freien Zapfsäule wo die Tankwartin – soweit ich sehe sind da nur Frauen zu gange – an der anderen Säulenseite mit dem betanken eines Autos beschäftigt ist. Die Kollegin an der Nachbarsäule hat keine Kunden und winkt mich zu sich rüber. Doch kaum richte ich meine Motorrad auf um es rüber zu schieben, kommt sie wie ein Wiesel um die Säule geschossen, stellt sich mir in den Weg und bedeutet mir den Tankdeckel zu öffnen. Sie ist so winzig das ich ihr helfe den Zapfhahn in den Benzintank zu stopfen, da sie ihn sonst hätte hochstemmen müssen. Ich wunder mich immer wieder wie klein die meisten Menschen hier sind. Insbesondere die Mexikaner mit indogenen Wurzeln.
Knapp über 21 Liter gehen in den Tank und ich muss dafür 198,50 Peso (ca. 9 €) berappen (Tachostand: 63116 km). Die Tankrechnungen werden in den nächsten Wochen wohl mein geringstes Problem. Ich geb ihr das doppelte des üblichen Trinkgelds und sie freut sich wie eine Schneekönigin. Als mir dann wieder einfällt das ich ja auch noch Luft brauche ist sie sofort mit Eifer bei der Sache. Kriecht um das Motorrad herum um die Ventile zu finden und frägt mich dann wie viel Luft sie reinmachen soll. Jetzt ist guter Rat teuer. Das Messgerät zeigt den Luftdruck in PSI an und ich hab doch wie immer keine Ahnung. 10 PSI sind noch drin und wir einigen uns drauf 30 (2,07 bar) rein zu machen. Danach fährt sich die KLR deutlich besser und so kurz nach vier Uhr lauf ich mit ihr auf dem „bewachten“ (per Videokamera) Parkplatz hinter dem Hotel ein.

Befreit und reisebereit. Fehlt nur eine winzige Kleinigkeit ...

Das Hotelpersonal ist sichtlich beeindruckt und ich schlagartig beim gesamten Personal bekannt. So spinnerte Motorradfahrer scheinen nicht so häufig zu Gast zu sein. Ich versuch noch im hoteleigenen Telefonshop Kontakt mit Herrn Manfrino auf zu nehmen um mich nach dem Stand der Versicherung zu erkundigen, bekomme aber bei allen Versuchen nur eine Frauenstimme ans Telefon die sich nach Anrufbeantworter anhört. Egal. Ich hab erstmal mit ein paar Bier einen Erfolg zu feiern:

DAS MOTORRAD WURDE DEN KLAUEN DES ZOLLS ENTRISSEN UND STEHT BEIM HOTEL

Optimismus macht sich breit. Den Rest werde ich auch noch schaukeln. Spät am Abend trifft eine Mail von Herrn Manfrino ein. Er braucht Kopien von Führerschein und Zulassung. Mach ich morgen, bin zu müde und im Zimmer über mir quietscht eintönig das Bett. Das schläfert ein.

3. Aus den Krallen des Zolls

Ein Gedanke zu „3. Aus den Krallen des Zolls

  • 2013-08-27 um 22:18
    Permalink

    Hi,

    man oh man, ist das ein Umstand mit dem Zoll.
    Wir planen ebenfalls eine Mexikoreise mit den Mopeds.
    Kannst du mir sagen, mit welcher Luftfrachtgesellschaft du dein Moped transportiert hast?

    Gruß Jürgen

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